João de Deus

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hugostamm am Donnerstag den 19. Juli 2012

Hunderte von Krebskranken, Gelähmten und Erblindeten aus halb Europa pilgerten vergangene Woche nach Winterthur in die Eulachhallen. Gegen 10’000 spirituelle Sucher mit Gebresten und chronischen Krankheiten wollten den Star unter den Geistheilern einmal hautnah erleben. Und alle erwarteten das Heil oder eine Wunderheilung: João de Deus, das berühmteste Volltrance-Medium (Eigenwerbung), trat erstmals in der Schweiz auf und elektrisierte die Esoterikszene.

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Das Medium als Magnet: Joao Teixeira de Faria alias
João de Deus im März 2012 in Abadiania, Brasilien. (Bild: Keystone)

Der Heiler machte Hoffnung auf Heilung selbst tödlicher Krankheiten. Das Internet ist voll von Lobeshymnen auf den 70-jährigen Brasilianer und seine Heilkräfte. Ihm eilt der Ruf voraus, unzählige Kranke von ihrem Leiden befreit und vor dem Tod gerettet zu haben. Millionen suchten ihn in den vergangenen 50 Jahren in seinem Zentrum Casa Dom Inacio in Abadiania, Brasilien, auf, ähnlich viele besuchten ihn bei seinen Heilungstourneen rund um die Welt. João de Deus ist der Kopf eines grossen Unternehmens, das Millionen umsetzt. Allein in Winterthur dürfte ein Umsatz von 1 bis 2 Millionen Franken erwirtschaftet worden sein. Ein lukratives Geschäft mit der Angst und Sehnsucht von Kranken und spirituellen Suchern.

Ritual in Weiss

Die Tourneen des Geistheilers sind durchstrukturierte und minutiös geplante Spektakel. Einlass erhält nur, wer ganz in Weiss erscheint. So fordern es die 36 Wesen der geistigen Welt, auf die sich João de Deus, auf Englisch John of God genannt, beruft. «Weiss als Farbe des Lichts steht für die Reinheit», wird den Besuchern erklärt.

Die Besucher des zwölfstündigen Heilungsmarathons brauchen in erster Linie Geduld, um John of God zu Gesicht zu bekommen. Deshalb werden sie mit musikalischen Darbietungen, Meditationen und Vorträgen durch den Tag begleitet. Bei der Ankunft müssen sie sich diszipliniert in eine von vier Warteschlangen einreihen: Eine Reihe ist für Erstbesucher, eine weitere für Wiederholer, die Operationslinie ist für Besucher reserviert, die einen «spirituellen Eingriff» wünschen, und die Revisionslinie für Leute, die bereits früher einen operativen Eingriff über sich ergehen liessen und nun ihren Zustand überprüfen lassen wollen. Die Besucher verbringen Stunden mit Warten und Meditieren.

Im Schritttempo geht es in den Meditationsraum. Beine und Arme dürfen nicht gekreuzt werden, weil sonst der Energiefluss gestört werde. Danach werden die spirituellen Sucher in den Raum der Wesenheiten geführt, wo der Moment der Offenbarung naht: Die Heilsuchenden pilgern an João de Deus vorbei und erhalten vom Geistwesen, das aktuell durch John of God spricht, eine Diagnose oder Botschaft. «Der Moment der eigentlichen Begegnung wird sehr schnell gehen», werden die Teilnehmer gewarnt. Kein Wunder, schliesslich ist der Andrang riesig.

Operation mit Schere

Nächste Station auf dem Pilgerweg durch die Eulachhallen ist der Gebetsraum, der der spirituellen Reinigung dient. Ein Teil der Besucher wird – je nach Diagnose – zur Kristallbett-Sitzung geführt. Sieben verschiedene Farblichter strahlen über sieben Kristalle in die sieben Chakren (Energiepunkte im Körper) ein. Manche Teilnehmer erhalten eine Einladung zur spirituellen Operation. Wieder andere werden ins Zentrum nach Brasilien eingeladen, wo João de Deus auch veritable Eingriffe vornimmt: Er «operiert» mit primitiven Mitteln angeblich krankhaftes Gewebe und Tumore heraus. So dringt er beispielsweise mit einer Schere oder Klemme durch die Nase tief in den Schädel, vermutlich ins Hirn, und zaubert blutige Gewebefetzen hervor. Er öffnet manchmal auch mit einem Skalpell vermeintlich den Bauchraum. In Winterthur muss der Heiler auf dieses Ritual allerdings verzichten, weil in der Schweiz nur Ärzte körperliche Eingriffe vornehmen dürfen.

Nichts als Taschenspielertricks

Kann der Heiler tatsächlich ohne Narkose operieren? Für den Sektenexperten Georg Otto Schmid von der Beratungsstelle Relinfo sind solche physischen Eingriffe nichts als Taschenspielertricks. Würde João de Deus dies eingestehen, könnte er die Operationen auch in Winterthur durchführen. «Doch er weiss natürlich, dass er trickst, kann es aber nicht zugeben, sonst wäre seine Glaubwürdigkeit dahin», erklärt Schmid. Solche «Operationen» sind auch von philippinischen Geistheilern bekannt. Bei ihnen konnte nachgewiesen werden, dass sie tierisches Blut und Gewebe verwenden, um die Kranken zu täuschen.

Die Anhänger von João de Deus lassen sich von solchen Einwänden nicht beirren und verweisen auf die unzähligen Referenzschreiben von «Geheilten». Danach hat John of God angeblich viele Patienten von tödlichen Krankheiten befreit. Schmid hat aber Zweifel. «Hoffnungen und Erwartungen der Besucher sind sehr gross. Für viele ist João de Deus der letzte Strohhalm. Deshalb spüren sie eine momentane Linderung der Symptome. Dass später viele enttäuscht werden, kann leicht vorausgesagt werden.» Laut Schmid besuchen aber auch viele den Event, weil er ein esoterisches Spektakel verspricht. «Sie wollen den berühmten Meister, der angeblich über göttliche Energie verfügt, einmal live erleben.»

Teures Heilungsspektakel

Das Heilungsspektakel ist nicht ganz billig. Pro Tag kostete der Eintritt 167 Franken, gesegnete Suppe inklusive. Um nicht mit dem Gesundheitsgesetz in Konflikt zu kommen, beansprucht João de Deus die wundersamen Heilungen nicht für sich. So würden sie zu 25 Prozent auf die Wesenheiten, zu 25 Prozent auf Gott und zu 50 Prozent auf die Besucher selbst zurückgehen, sagt der Heiler. Gleichzeitig behauptet er: «Ich habe noch nie einen Menschen geheilt, es ist Gott, der heilt.» Fragt sich dann nur, weshalb er selbst als grosser Heiler verehrt wird.

Nach drei Tagen in Weiss ist die Ernüchterung bei vielen Besuchern gross. Zwölf Stunden pro Tag verbrachten sie in den heiligen Hallen, dem grossen Heiler begegneten sie nach stundenlangem Warten nur ein paar Sekunden. Ausserdem sei das Rahmenprogramm langweilig gewesen, monierten manche nach einem langen Tag. Deshalb reisten etliche vorzeitig ab. Die grösste Enttäuschung war für viele, dass sie die Veranstaltung mit den gleichen Schmerzen verliessen, mit denen sie angereist waren. Und noch etwas: Journalisten wurden nicht zugelassen. Sie durften nicht einmal das Gelände der Eulachhallen betreten.

Die Veranstaltung beweist, wie gross Hoffnung und Sehnsucht sind, auf wundersame und sanfte Art selbst von tödlichen Krankheiten geheilt zu werden. Sie zeigte aber auch die grenzenlose Naivität esotertischer Kreise. Wenn Geistheiler tatsächlich Krebs, MS, Lähmungen und andere schwere Krankheiten heilen könnten, gäbe es Hunderttausende von dukumentierten Zeugnissen, und die Spitäler wären über Nacht leer. Es ist zu vermuten, dass die gleichen Kranken, die enttäuscht abgereist sind, bald zum nächsten Heiler pilgern werden. Ein allfälliger Placebo-Effekt wird durch die grossen Enttäuschungen ohnehin zunichte gemacht.