Beichte

EINE STUNDE IM LEBEN

Josef Regli, 67, Beichtbruder im Kapuzinerkloster Wesernlin, Luzern, hat im Beichtstuhl über das Menschsein mehr gelernt als durch alle Bücher. Und länger als die Verfehlungen beschäftigen ihn die Schicksale der Beichtenden.

Meine Samstagnachmittage richte ich, wann immer es geht, so ein, dass ich zwischen zwei und drei Uhr hier in unserer Kirche bin, im Beichtstuhl sitze und Menschen die Beichte abnehme, einem nach dem andern.

Unser Kloster gilt als wichtiger Beichtort der Zentralschweiz, es kommen aber auch Leute aus Zürich oder Basel hierher, Zuger, Aargauer, Berner.

In der Beichte geht es darum, dass ein Mensch, der sich schuldig fühlt – weil er vielleicht gestohlen, gelogen oder betrogen hat -, Erleichterung erfahrt, indem er mit dem Beichtbruder bespricht, was ihn drückt, egal, ob das, was er getan hat, nun in einem engeren Sinn sündhaft ist oder nicht.

Eine Gesellschaft ohne Verzeihung ist für mich nicht denkbar. Denn jeder Mensch bleibt anderen irgendwann etwas schuldig, bewusst oder unbewusst, und wenn nicht aus bösem Willen, dann kraft seiner Begrenztheit.

Denke ich ans Beichten, denke ich an einen Gott, der bedingungslos liebt.

An einen barmherzigen Vater, der niemanden abweist. Der gar nicht anders kann, als die Menschen zu lieben. Und ihnen zu verzeihen.

Die einzige Bedingung ist die, dass der Mensch einen Zugang zu Gott sucht und findet, seine Nähe.

Vor meinem Gott muss niemand Angst haben.

, Oder anders gesagt: Der Sinn der Beichte ist es, Jesu Gleichnis vom verlorenen Sohn erfahrbar zu machen. Dieses Gleichnis, Lukas 15, II-32, handelt davon, dass ein Vater seinen Sohn, der sein Geld im Ausland verprasst hat und dort zum Bettler und Schweinehirten geworden ist, dass dieser Vater, als der Sohn zu ihm zurückkehrt, sein Kind in die Arme schliesst, fraglos, es in neue Kleider steckt und ein Fest ausrichtet.

Die Beichte, wie ich sie verstehe, ist etwas zutiefst Lebens- frohes, Lebensbejahendes. Kommt also am Samstagnachrnittag jemand zu mir in den Beichtstuhl- an anderen Tagen meist in einen Besprechungsraum -, begrüsse ich ihn, ähnlich wie Papst Franziskus, als er nach seiner Wahl zu den Menschen auf dem Petersplatz sprach, mit einfachen Worten: Guten Tag, ich freue mich, dass Sie hier sind.

Beichte hat nichts mit Abrechnung zu tun, mit Zahlenhuberei, ich habe dreimal gestohlen, ich habe viermal betrogen, fünf- mal geflucht.

Das war früher vielleicht so.

Früher, vor Jahrzehnten, standen gewisse Themen wie sexuelles Verhalten im Vordergrund, entsprechende Fantasien, Selbstbefriedigung oder Verhütung mit der Pille waren schwere Sünden.

Damals geschah die Beichte von unten nach oben: unten der Sünder, oben der Beichtvater, der, je nach Naturell, genau wissen wollte: Wie oft? Wann? Wo? Mit wem? Und dann entsprechende Bussen erteilte, zwei Vaterunser, drei Ave Maria.

Ich begreife die Beichte als spirituelle Begleitung. Beichtender und Beichtvater sind auf gleicher Höhe. Und meine Busse, wenn man sie denn so nennen will, besteht allenfalls darin, dass ich einem Mann, der sich schuldig fühlt, weil er seine Frau schlecht behandelte, rate, sie ins Theater einzuladen oder in ein gutes Restaurant.

Oder jemandem, der darunter leidet, dass er Schwarzgeld besitzt, empfehle ich vielleicht, damit Gutes zu tun.

Über das Menschsein habe ich im Beichtstuhl mehr gelernt als in allen Büchern, die ich in meinem Leben, ich bin nun 67, gelesen habe.

Ich empfinde es als Gnade, Beichtbruder sein zu dürfen, so nahe bei den Menschen, so nahe bei Gott, ich dazwischen.

Mich beschäftigt nicht, welche Verfehlungen die Menschen mir beichten, mich beschäftigt – oft über den Beichtstuhl hin- aus -, was für Schicksale diese Menschen haben, Verletzungen, Menschen, die in ihrer Kindheit geknechtet oder vernichtet wurden, die bis heute kaum erfahren konnten, dass nicht immer alles falsch ist, was sie denken oder tun.

Wenn immer es geht, bleibe ich, um wirklich aufmerksam zu sein, nicht länger im Beichtstuhl als eine Stunde.

Die Beichtenden entlasse ich jeweils mit der sogenannten Lossprechung: So spreche ich dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Und dann: Es hat mich gefreut, dass Sie hier waren, ich wünsche Ihnen einen wunderbaren Tag.

Im Grunde ist die Beichte ein Fest.

Mein schönstes Beichterlebnis war, als eines Tages eine Frau zu mir kam, die viele Jahre lang nicht mehr gebeichtet und sich nun zu diesem Schritt entschieden hatte.

Sie kam mit einem Strauss roter Rosen, mit einer Flasche Sekt und zwei Gläsern.

Wir stiessen an.

 

 

Protokoll ERWIN KOCH
Bild MELANIE HOFFMANN

Aus: DAS MAGAZIN No12